s-logo-wordpressDer ganz normale Wahnsinn – BSE und Schweinepest im Alltag

 Mittwoch, später Vormittag, Einkauf im „Voll-Corner“, einem Naturkostmarkt an der Ecke Donnersbergerstraße/Arnulfstraße, in München. Auf ein Gespräch mit dem Inhaber müssen wir noch etwas warten. Inzwischen schauen wir uns schon mal um. Im Laden halten sich etwa 20 Leute auf. Einige stöbern im Teesortiment, manche stehen stirnrunzelnd vor der Käsetheke. Die Wurst wird von fast allen links, in diesem Falle rechts liegen gelassen.

Die meisten, die wir hier treffen, sind Vegetarier und kaufen „schon immer“ biologische Lebensmittel. Der Laden hat aber auch neue Kunden hinzugewonnen. „Seit Dezember 2000 ist der Umsatz im Naturkostmarkt um 50 Prozent gestiegen“ sagt Willi Pfaff, der Inhaber des Ladens. Und der Level hält sich, obwohl das Thema in den Medien im Moment nicht mehrganz so aktuell ist. Starker Umsatzzuwachs sei vor allen Dingen bei Käse zu verzeichnen, so Pfaff, manche Sorten würden sogar richtig knapp inzwischen. Das Gleiche beobachteter beim Tofu, der häufig als Fleischersatz dient. So mancher scheint seiner Ansicht nachwegen der BSE-Krise auf biologische Produkte umgestiegen zu sein.

BSE (Bovine Spongiforme Enzephalopathie, zu deutsch: schwammartige Hirnkrankheitdes Rindes) ist eine Erkrankung bei Rindern mit Veränderungen des Gehirns. Die Krankheit wurde erstmals 1986 in Großbritannien beschrieben. Hauptursache für die Übertragung der Krankheit ist nach derzeitigem Erkenntnisstand die Verfütterung von kontaminiertem Tiermehl.

In Großbritannien wurde die Fütterung von Tiermehl bereits 1988 verboten, jedoch nichtder Export der infizierten Futtermittel. So wurde in Deutschland infiziertes Tiermehl bis1994 weiter gefüttert. Erst dann wurde es zumindest für Wiederkäuer untersagt. Lange Zeit umstritten war dieÜbertragbarkeit von BSE auf den Menschen. Erst 1996 vermeldet das britische Gesundheitsministerium, dass die Ähnlichkeit der Symptome bei nvCJD (new variant Creutzfeldt-Jakob-Disease) auf eineÜbertragung der Erreger zwischenRind und Mensch schließen lassen. Im Jahr 2000 waren bereits 88 Briten an nvCJD gestorben. Erstmals wurde in diesem Jahr auch bei einer in Deutschland geborenen KuhBSE festgestellt. Erst jetzt wurde die Fütterung von Tiermehl allgemein verboten.

Die langjährige Verharmlosung des Problems und die Verzögerungen adäquater Maßnahmen und Gesetzgebungen begünstigten die Verbreitung von BSE. 100%igen Schutz vor der Krankheit beim Einkauf von Lebensmitteln gibt es nicht mehr. Die größte Sicherheit bieten Produkte aus demÖko-Landbau, der traditionell strengen Richtlinien unterliegt und jetzt eine neue Blüte erlebt. Dass „Öko“ langsam salonfähig wird, merkt der Inhaber des „Voll-Corner“ auch beim Einstellen von Personal. „Früher mußten wir denÖkos das Verkaufen beibringen“, sagt Pfaff, „das war anstrengend. Jetzt kommen viele Bewerber aus dem kaufmännischen Bereich und möchten was über ökologische Produkte dazulernen.“ Nach seiner Ansicht hat die gesamte Branche um ca. 60% Umsatz zugelegt. Und eine Kundin von Willi Pfaff hat gesagt:“Jetzt kann ich endlich auch meinem Mann erzählen, daß ich hier kaufe.“ Die Kunden im Bioladen waren schon immer etwas bewußter und auch etwas betuchter. Die Preise im Voll-Corner sind höher als beim konventionellen Supermarkt. Mortadella kostet 3,99 DM auf 100 g, Edelsalami 5,99 DM und Leberwurst 2,99 DM.

Auf nationaler Ebene und innerhalb der EU soll der Ökologische Landbau jetzt massiv gefördert werden. Nach einer Pressemeldung der Stiftung Ökologischer Landbau (SÖL) soll der Öko-Landbau zukünftig in der Europäischen Union mit einem Aktionsplan gefördert werden. Auf der Konferenz „Organic Food and Farming – Towards Partnership and Action in Europe“ forderte Bundesverbraucherministerin Renate Künast am 14. Mai im dänischen Snekkersten eine Stärkung der EU-weit gültigen einheitlichen Standards für den Ökolandbau.

Mal sehen, wie lange der Elan hält. Denn viele Bürger/innen, die nicht zum Kundenkreis eines Bioladens zählen, scheint BSE inzwischen schon wieder kalt zu lassen. Eine Passantin meint zwar: „Ich kaufe nur beim Metzger meines Vertrauens. Da weiß ich, wo das Fleisch herkommt.“ Eine andere kauft etwas weniger Fleisch als früher. Über BSE machen sich beide allerdings „keinen Kopf“. „Es gibt so viel Handlungsbedarf, man weiß gar nicht, wo man anfangen soll. Erst BSE, dann die Skandale um die Geflügelhaltung. Und was an Zusatzstoffen und Aromen in den Lebensmitteln ist, weiß auch keiner. Ich esse einfach was mir schmeckt.“

Absolut gelassen reagierte eine etwa achzigjährige Frau auf die Frage nach Rinderwahn und Schweinepest: „Natürlich esse ich Rindfleisch. Bis BSE bei mir ausbricht, liege ich sowieso im Sarg“.

Quellen:

  • www.soel.de (Stiftung Ökologischer Landbau)
  • www.verbraucherministerium.de (Bundesministerium für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft)
  • www.verbraucherzentrale.de (Verbraucherzentrale Bayern)
  • www.agoel.de (Arbeitsgemeinschaft Ökologischer Landbau)